Osterpredigt 2021 Pfarrer Markus Weilhammer, Pfarreiengemeinschaft Monzelfeld

 

 „Weil Gott nicht mit Minus, sondern lieber mit einem Plus rechnet.“

(es gilt das gesprochene Wort!) ...

 

 (Anmerkung: unterhalb des Textes auch als PDF-Download)

 

Ostern 2021: …

ein gutkatholischer Kollege lässt in den meisten seiner 17 Pfarrkirchen nicht eine neue Osterkerze aufstellen, sondern er lässt nur die letzte „0“ von  2020 durch eine neue „1“ für die Jahreszahl 2021 austauschen und ersetzen. 

... sparsamer Kollege? 

... mich beschleicht da eher das Gefühl des Etikettenschwindels: eine alte Osterkerze durch Zahlentausch für eine Neue ausgegeben! 

... falsche Sparsamkeit!

... irgendwie soll das Jahr 2020 –

... mit Corona und all dem Auf und Ab, den politischen Irrungen und Wirrungen, sowie dem Impfchaos,

·  ... mit dem ansatzhaften Versuch der Aufarbeitung der Vertuschung von sexualisierter Gewalt in der Kirche,

·  ...  mit  dem  römischen  Segnungsverbot  für  gleichgeschlechtliche Paare,

·  ... mit dem Abwenden vieler Christen von ihren Kirchen durch den Austritt,

·  ... mit den vielen Antworten von Kirche auf Fragen, die keiner (mehr) stellt,

·  ... mit der Sprachlosigkeit in der Liturgie der Kirche, wo oft nur mit Worthülsen, wie: „Gnade, Erlösung, ... Schuld und Vergebung,

... sowie Ewigkeit“ gesprochen wird, aber das Leben und der Alltag der Menschen nicht vorkommt,

·  ... mit u.v.m., was alles so seit dem letzten Osterfest vor einem Jahr geschehen ist, – negiert werden.

... für mich wird durch den Austausch einer „0“ mit einer „1“ offenbar: 

·  ... überspringen wir dieses Jahr,

·  ... negieren wir die schlechten Botschaften und Wirklichkeiten,

·  ... machen wir einfach so weiter, wie es vor Ostern 2020 war. 

... aber nicht ein Negieren,

... nicht ein Überspringen der schlechten Nachrichten und Tatsachen in der Zeitspanne von Ostern 2020 bis heute, dem Osterfest 2021,

... nicht ein Weglaufen zum „Emmaus“ des Jahres 2021 ist angesagt,

...sondern hier und jetzt Ostern zu erleben und zu feiern, heißt dieses mit all dem zu tun, was sich da in ca. 350 Tagen in Kirche,

... in Welt und Gesellschaft,

... aber auch im ganz persönlichen Alltag und Leben ereignet und abgespielt hat,

... Leben und Wirklichkeit haben sich einfach radikal verändert!

 

... Ostern 2021:

·  ... an Corona und seinen Folgen kommt keiner von uns vorbei – selbst nicht mit einer Urlaubsflucht nach „Malle“! Ich persönlich möchte nicht mit den politischen Verantwortlichen tauschen, um durch die eine oder andere Entscheidung das Leben vermeintlich zu erleichtern – mit dem Risiko, Menschen in ihrem Leben zu gefährden. 

·  ... Kirche muss sich knallhart der Aufarbeitung von Vertuschung von sexualisierter Gewalt in ihren Reihen stellen – und dieses in dieser Gesellschaft und als ein Teil dieser Gesellschaft,

...einer Gesellschaft, wo sexualisierte Gewalt an Schwächeren und Schutzbefohlen bis in diesen Augenblick hinein eine traurige und schmerzliche, aber alltägliche Wirklichkeit für viele Kinder und Jugendliche, Frauen und auch Männer ist. 

·  ... ich verweigere keinem Menschen den Segen Gottes... ich spende den Segen Gottes schon 30 Jahre immer öffentlich und ganz ehrlich. Wir als Kirche segnen natürlich keine Traktoren oder Häuser, sondern wir als Kirche segnen immer die Menschen, die Geräte bedienen, Traktoren fahren oder mit ihnen arbeiten,

... Menschen, die eben in Häusern  aus  Stein  und  Glas  leben,  wohnen  und  arbeiten.  ... deshalb segne ich als Priester dieser Kirche auch die Menschen, die sich auf den Weg in eine Partnerschaft zu zweit begeben – egal ob gleichgeschlechtlich oder nach einer Scheidung(!),

...aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung schmerzlich, dass es immer Menschen und Christen gibt, die sich daran stören,

... denen eine Weite und eine Offenheit fehlt und die dann in Trier oder Rom „Anzeige“ erstatten,... manchmal sind es die eigenen Mitbrüder. 

·  ... jeder Kirchenaustritt in meinen Gemeinden macht mir persönlich deutlich, dass ich in meiner Arbeit ,... in meinem Bekenntnis zu Jesus Christus versage!

...Trier, Köln oder Rom ist weit weg. Es macht mir deutlich, dass wir als Kirche – Gemeinden und SeelsorgerInnen – oft in einer Parallelwelt zur Wirklichkeit der Menschen leben. Wir verkünden oft nicht ehrlich und froh genug diese Botschaft von Jesus Christus, die in seiner Auferstehung gipfelt, sondern verstecken uns hinter vordergründigem, schnelllebigem Aktionismus oder einem „das war schon immer so“!

... oder suchen im Gestern das Heil für heute – aber diese Auferstehung Jesu Christi ist der Aufstand für das, für unser Leben – dieses gilt es hier und jetzt zu verkünden und zu leben!

·  ... die Sprachlosigkeit in unseren Gottesdiensten,

... die oft fehlende Freude in der Gottesdienstgemeinde macht mir schon immer zu schaffen. Ich versuche dagegen anzugehen,

... neue, andere Weg zu suchen,

... auszuprobieren, um die Botschaft für die Menschen des Jahres 2021 zu veranschaulichen und zu verdeutlichen – aber diese erscheint mir oft vergeblich, ja sinnlos – es interessiert anscheinend kaum einen. Ein geschätzter Kollege hat zu meiner Coronakar- und Osterliturgie gesagt, dass das Herz fehlt,

... vielleicht hat er Recht – vielleicht ist alles bei mir eine oberflächliche Fleißarbeit ohne Herz und Leben – an den Menschen vorbei oder eine Überforderung der Menschen!

...aber eine andere Alternative weiß ich auch nicht – nur einfach das Messbuch aufschlagen und „abfeiern“ kann und will ich nicht! 

·  Er leide an der Kirche, „wenn sie durch Skandale gläubige Menschen ins Wanken bringt oder durch erstarrte Strukturen und mangelnde

Veränderungsbereitschaft vielen den Zugang zum Glauben blockiert", so Bischof Georg Bätzing – da hat der Bischof von Limburg zwar recht, aber erst in der Karwoche 2021 (und in der Osterpredigt) so etwas feststellendes zu sagen ist einfach viel zu spät. Haben unsere Bischöfe den Blick für die Wirklichkeit und Realität total über die letzten Jahre und Jahrzehnte verloren?!?! 

 

... Ostern 2021!

 ... folgende Geschichte (mit Deutung) habe ich zufällig im Fastenkalender gefunden:  (nach Annkathrin Tadday) „Warum sind da an der Wand so kleine Pluszeichen?“, fragte mich der Junge und zeigte mit dem Finger an die Säulen. Er kam mit seiner Klasse aus der benachbarten Grundschule zur Besichtigung der Kirche. An jeder Säule befindet sich dort ein Mosaik, darunter ist je ein Kreuz mit 4 gleich-langen Seiten. In den Augen des Jungen ein Pluszeichen, das kennt er aus der Schule.  Ich wollte ihm schon sagen, dass es Kreuze sind, doch da fragte ich erst einmal zurück: „Hast Du eine Idee?“  Der Junge überlegte kurz und sagte: „Weil der Gott lieber plus rechnet, als minus!“ 

... meistens ist es so, dass die Kinder eine Antwort in sich tragen, die mich mehr berührt, als die Worte, die ich zur Erklärung gewählt hätte: 

... „Weil Gott lieber plus rechnet!“ - geniale Idee!

·  ... Plus macht mehr,

·  ... Plus erhöht,

·  ... wo ein Plus steht, geht es nach oben, ... und doch ist es ein zutiefst theologischer Gedanke: ... das Kreuz als Pluszeichen – ganz unpragmatisch!

... das Kreuz ist und bleibt das stärkste Zeichen der Christenheit.

... es steht dafür, dass Jesus Christus an einem Kreuz gelitten hat und gestorben ist, .... Leiden und Sterben gehört zum Menschsein dazu, auch für Gottes Sohn. 

... entscheidend ist aber, dass damit nicht alles zu Ende ist:

·  ... Auferstehung ist das Wort für das „plus“, mit dem es weitergeht,

·  ... Erlösung von Schmerz und Leid,

·  ... Aufstehen in ein neues Leben,

... der Aufstand für das Leben,

·  ... ein Neuanfang nach so viel Dunkelheit und Schmerzen,

... das Kreuz ist damit zum Zeichen des Lebens geworden.

.... dieser Gedanke erscheint durchaus auch rätselhaft: 

... im Zeichen des Kreuzes, das doch zum grausamen Tod geführt hat, liegt ein Zeichen des Lebens? 

... genau dieser scheinbare Widerspruch berührt mich in meinem Innersten, denn es ist kein Rätsel, das ich lösen kann,

... es ist ein Geheimnis,

... es ist das Geheimnis des Glaubens:

·  ... im Tod liegt das Leben,

·  ... in einer vermeintlichen Niederlage liegt der Sieg. 

... nicht nur in diesen Coronatagen ist es schwer, dieses als sinnliche Erfahrung im Gottesdienst erfahrbar zu machen. Aber ich bin zur Überzeugung gekommen, dass nicht nur Lichtzauber und Wassererfahrung mit großen Worten der Heilsgeschichte in diese Nacht / in die Feier von Ostern gehören, sondern auch noch einmal das Holz des Karfreitags:

... ein Kreuz müsste in die Mitte des Raumes gestellt werden,

.... Menschen dürften dorthin gehen,

... sie sind eingeladen und aufgefordert, einige Augenblicke ihre Hände daran zu legen oder mit ihrer  Stirn das Holz zu berühren,... und warum auch nicht einmal dieses Holz umarmen oder gar küssen,

... dieses alles sollte wortlos, in Stille und mit viel innerer und äußerer Ruhe geschehen. 

... mit dieser Geste dürften Menschen – dürften und könnten wir – Gott mehr als nur symbolisch das eigene Leben mit all seinen Lasten anvertrauen,

... hintragen, ... ablegen.

·  ... was für ein sinnlicher Osterritus,

·  ... was für eine sinnliche Ostererfahrung! 

... aber wenn ich in Ihre Gesichter schaue, habe ich das Gefühl, dass Sie denken: Hoffentlich kommt der Pastor beim nächstes Osterfest nicht auf diese Idee: das Kreuz anfassen,

... das Kreuz umarmen?!

... es reicht doch, wenn wir es aus der Bank heraus sehen! (... mal abwarten!!)

... aber es gibt immer wieder Momente in meinem Leben, da habe ich das Kreuz genauso erfahren,

... und ich war froh es nicht nur ansehen zu dürfen, sondern in die Hand zu nehmen und an mein Herz zu drücken. 

...lassen Sie mich ganz konkret werden:  als es vor einigen Jahren in meinem Leben schwer wurde, hat mir ein guter Freund ein Kreuz – in der Form eines Handschmeichlers – geschenkt,

... dieses Kreuz habe ich immer in der Hosentasche mit mir getragen,

... und wenn es schwer wurde habe ich es mit der Hand umwunden und es hat mir so einen tiefen Halt und oft innere Ruhe und Kraft geschenkt!

... und genauso hat es der Junge in der Geschichte beschrieben:

·  ... wie ein Pluszeichen,

·  ... ein Plus für das Leben,

·  ... so hat Gott auch vor mein Leben ein Pluszeichen gesetzt.  ... und das gerade auch immer wieder angesichts meines Scheiterns:

·   ... bei den kleinen Dingen im Alltag, die nicht gelingen, wo alles vergeblich erscheint,

·  ... da wo ich das Gefühl habe als Priester und Mensch zu versagen,

·  ... aber auch bei den großen Tatsachen, die im Streit liegen oder zu scheitern drohen,

... hier auch mit dem Blick auf die großen Probleme unserer Kirche vor Ort und weltweit,

·  ... und schließlich auch für das Ende meiner Tage mit der Perspektive auf ein Plus für mein Leben über den Tod hinaus.

...wenn ich „Ostern 2021“ feiere, vertraue ich darauf! .

... ich will darauf vertrauen (- auch wenn es oft schwer ist!!), dass es stimmt, was der Junge in der Geschichte so treffend auf den Punkt gebracht hat:

 

„Weil Gott nicht mit Minus, sondern lieber mit einem Plus rechnet.“

 

... mit einem Plus an Leben für mich... und für Sie,

... und für alle Menschen!

... und genau dieses muss ich,

... müssen wir, .

.. muss Kirche vor Ort und Weltweit ganz leben und lebendig verkündigen,

... wir alle müssen das Geheimnis des Glaubens:

 

„...  deinen Tod, o Herr, verkündigen wir  und  deine  Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Ewigkeit!“ leben und erlebbar machen!

 

... genau dieses ist der Grund, warum ich,

... warum wir hier und jetzt, aber auch morgen und übermorgen Ostern 2021 feiern!  ... diese Osterbotschaft gilt zu verinnerlichen,

... gilt es aber auch ein Jahr mitzutragen,

... hinaus zu tragen,

... zu leben und zu erleben!

... Gott sei Dank gilt ja:

·  ... Gott rechnet nicht mit Minis, sondern immer lieber mit einem Plus! 

·  ... es ist ein Plus Leben für unser aller Leben!

..., wenn wir dieses als Gemeinschaft der Glaubenden, als Kirche, wirklich leben,

... erleben  und erlebbar machen und werden lassen,...

... dann hat eine veränderte Kirche mehr als eine Chance im Leben der Menschen von heute und morgen vorzukommen,

... um das Leben der Menschen durch das Plus des Glaubens an die Auferstehung gut zu bereichern und mit Lebenssinn zu verändern.


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